Das Innere Kind

Sie finden hier die Einleitung und einen Überblick zum Buch
Begegnungen mit dem Inneren Kind.

„Was soll das sein, ein ‘Inneres Kind’? Und wo soll es sich befinden? Schiebt man jemanden durch einen Computertomographen, ist nirgends ein Inneres Kind zu sehen. Es zeigt sich weder im Körper noch im Gehirn eines Menschen. Der Ort, an dem es sich aufhält, ist die Psyche.“

Einleitung
Dieses Buch trägt seinen Titel „Begegnungen mit dem Inneren – Kind in Partnerschaften, in Beziehung zu sich selbst, den Menschen und der Welt“ aus mehreren Gründen.
Zum einen ist die Entstehung und Entwicklung des Inneren Kindes untrennbar mit Beziehungen zu anderen Menschen verknüpft, allen voran zur Familie und der umgebenden Welt, in der wir aufwuchsen. Zweitens kommen Menschen meist über Beziehungen in Kontakt mit dem Inneren Kind, in den meisten Fällen über ihre Liebes– und Partnerbeziehungen. Und drittens greift der Umgang mit dem Inneren Kind entscheidend in die Beziehung des Menschen zu sich selbst ein. Das Thema Inneres Kind ist also in jedem Fall ein Beziehungsthema.
Dieses Buch wird durch eine kurze Schilderung persönlicher Erlebnisse eingeleitet. Dies geschieht vor allem deshalb, weil ich zu Beginn der Achtzigerjahre nirgends etwas über den Umgang mit dem Inneren Kind vorfand, denn Anfang der achtziger Jahre gab es eine solche Arbeit noch nicht.
Heute hat sich der Begriff ‚Inneres Kind‘ in etlichen therapeutischen Schulen etabliert, wobei er dort auf eine jeweils eigene, von meiner Arbeitsweise unterschiedliche Art damit umgegangen wird.
Ich habe mein Konzept des Inneren Kindes und meine Art des Umgang mit dem Thema aus persönlichem Erleben und therapeutischer Erfahrung in verschiedenen Methoden humanistischer Psychologie entwickelt. Inzwischen ist daraus eine therapeutische Arbeitsmethode entstanden, die auch Menschen, die an sich selbst arbeiten wollen, einen Umgang mit dem Thema ermöglicht, die aber auch Therapeuten Anregungen vermitteln kann.

Das Buch in der Übersicht
Bevor ich in die Materie einsteigen, will ich Ihnen einen Überblick über die Themen und Thesen dieses Buches geben, und dann in den einzelnen Kapiteln ausführlicher darauf eingehen.
Definition
Das Innere Kind ist ein Begriff für die in der Kindheit entstandene Wahrnehmung von sich selbst, den Menschen und der Welt.
Einfluss
Jemand gerät in den Wahrnehmungszustand des Inneren Kindes, sobald er Ereignisse auf gleiche oder ähnliche Weise deutet, wie er das als Kind tat.
Auswirkungen
Durch die vergangenheitsorientierte Deutung heutiger Ereignisse werden Probleme und auch schwere Krisen ausgelöst.
Begegnungen
Begegnungen mit dem Inneren Kind sind auf zwei Arten möglich.
– Durch plötzlich und dramatisch auftauchende Zustände, oder
– durch permanent und schleichend wirkende Wahrheiten.
Umgang
Ein besserer Umgang mit der Vergangenheit geschieht durch Neudeutungen, die sich auf die eigene Persönlichkeit, die Menschen und die Welt beziehen.
Herausforderung
Die eigene Geschichte neu schreiben. Da die Deutungen des Inneren Kindes nicht rational, sondern vorwiegend körperlich und emotional begründet sind, besteht die Herausforderung darin, Entwicklungen und Vorfälle auch körperlich und emotional auf neue Weise zu deuten. Durch diese Umdeutung schreibt man die persönliche Geschichte neu.
Die Figuren
Rational, körperlich und emotional an der Vergangenheit orientierten Zustände werden durch die Figuren Inneres Kind und Innerer Erwachsener handhabbar.
Entdeckung
Im Kontakt mit dem Inneren Kind werden Menschen eine bedeutsame Entdeckung machen: Man geht mit sich selbst auf gleiche oder ähnliche Weise um, in der Eltern damals mit einem umgingen. Auf die Dauer bekommt man deshalb Probleme mit sich selbst.
Befähigung
Das Ziel des Umgangs mit dem Inneren Kind besteht in der Erweiterung individueller Möglichkeiten. Es geht darum:
– zu denken, was damals undenkbar war,
– zu fühlen, was damals besser war, nicht zu fühlen, und
– zu tun, was damals besser unterlassen wurde.
Der IK–Dialog
Im zentralen Instrument dieser Arbeit, dem ‚Inneren-Kind-Dialog‘, werden die Kräfte Gefühl und Verstand in einem Klima von Bewusstheit miteinander in einen guten und belebenden Kontakt gebracht.
Befreiung
Die Erweiterung individueller Möglichkeiten hat eine Veränderung zur Folge. Der Mensch erlebt die Welt, die Menschen und sich selbst auf einer stabileren, gesünderen und heileren Basis.
Möglichkeiten und Grenzen
Die Beschäftigung mit dem Inneren Kind hilft, Krisen zu durchleben und sich von alten Wahrnehmungsmustern zu lösen. Allerdings geschieht dies nicht in Form von Wundern. Die Umstellung der Wahrnehmung auf derart grundlegender Ebene erfordert Aufmerksamkeit und Geduld.

Wie Lebensträume wahr werden

Sie finden hier Vorwort und Einleitung zum Buch
Lebe deine Träume.

Was soll man im Leben anstreben, was lohnt den Aufwand nicht? Welches sind die Ziele hinter den Zielen? Welches die gesuchten Lebenszustände, die man sich vom Erreichen eines Lebenszieles verspricht. Der gesellschaftliche Mythos verspricht Glück, doch man kann in ihm verloren gehen. Den Weg zur eigenen Erfüllung weist der individuelle Mythos, jene Instanz, die Lebensträume erschafft. Die richtige Antwort liegt in den Lebensträumen verborgen. Lebensträume sind innere Wegweiser, die weniger mit der Zukunft als mit der Veränderung der Gegenwart zu tun haben. Wer sich mit ihnen befasst findet heraus, wo es für ihn hingeht und wer er – in dieser Phase des Lebens – sein will.

Vorwort
Was ist der Sinn des Lebens? Diese interessante philosophische Frage ist jedenfalls nicht Gegenstand der Erörterungen dieses Buches.
Was ist der Sinn meines Lebens? Wie kann ich ihn erkennen? Und wie kann ich ihn erfüllen? Darum geht es hier.
Die richtigen Antworten auf solche zentralen Anliegen sind allerdings weder in irgendwelchen Ratgebern noch von weisen Leuten oder solchen, die sich dafür ausgeben, zu bekommen. Die Antwort auf den Sinn des Lebens kann ein Mensch nur an einem einzigen Ort finden: bei sich selbst – in seinen Lebensträumen.
Doch ganz so einfach ist die Angelegenheit nicht. Lebensträume weisen nicht direkt, sondern indirekt auf den Lebenssinn hin. Ihre Botschaften wollen sozusagen entschlüsselt werden. Sonst läuft man Gefahr, irgendetwas zu tun.
Das ist ein armer Tropf, der zwar weiß, was er tut, aber nicht weiß, wozu er es tut. Vor solcher Torheit ist gefeit wer begreift, wovon er eigentlich genau träumt, wenn er von einem ganz bestimmten Leben träumt. Was die Ziele hinter den Zielen sind.
Sollten Sie über die Lektüre dieses Buches hinaus daran interessiert sein, sich mit dem Thema Lebensträume/Lebensgestaltung in Form eines Arbeitsbuches zu befassen, möchte ich Sie auf meine Anleitung zum Erfolg hinweisen.

Einleitung
Jeder einzelne Mensch ist – in unserem Kulturkreises – permanent damit beschäftigt, etwas zu erreichen.
Die Menschen entwickeln Absichten, schmieden Pläne, verfolgen Ziele, entwerfen große und phantastische Vorstellungen davon, worauf es im Leben ankommt und was sie werden oder haben wollen. Anschließend gebrauchen sie ihre ganze Kraft bei dem Versuch, diese Zukunft zu verwirklichen.
Es ist die Sehnsucht nach einem glücklichen und erfüllten Leben, die, bewusst oder unbewusst, die Menschen vorwärtstreibt. Doch wie kann man solch ein gewaltiges Ziel erreichen? Wie kann man ein Optimum an Glück, Zufriedenheit und Lebensqualität erleben?
Was soll man tun, und was soll man lassen, auf welche Dinge zugehen, welchen ausweichen? Wie sich entscheiden bei dem Versuch, die Richtung zu finden und das Richtige zu tun? Denn was jemand anstrebt und wozu er sich entscheidet alle Ziele können Glück oder Unglück bedeuten und mögen Erfülltsein oder Entleertsein mit sich bringen.
Das Leben bietet scheinbar eine Fülle an Möglichkeiten. Man kann reich oder berühmt werden, zum Mond fliegen oder den Nobelpreis gewinnen, ein Auto besitzen oder sogar Dutzende, in Familien leben oder im Kloster, Staatspräsident werden, Forscher oder Bauer, auf eine einsame Insel auswandern oder in Städten wohnen und … und … und … tausend Anderes mehr.
Man kann die tollsten Lebensträume verwirklichen. Doch was wird am Ziel warten? Wird man tatsächlich glücklicher sein? Werden sich die Jahre oder manchmal sogar Jahrzehnte teils immenser Anstrengung auszahlen? Oder wird man enttäuscht sein von Träumen, die viel versprachen und dann doch wenig hielten?
Was wird jemand am Ende seines Lebens sagen? »Es war großartig« oder »Es war ein großes Missverständnis?«
Das hängt ganz und allein davon ab, woran er sich Zeit seines Lebens orientiert: am individuellen Mythos oder am gesellschaftlichen Mythos. Dies sind zwei wichtige Begriffe dieses Buches, die Erläuterung verdienen.
Der gesellschaftliche Mythos
Der gesellschaftliche Mythos beschreibt eine Welt sichtbarer, anfassbarer und beschreibbarer Gegenstände und Symbole. Er bezieht sich auf alles, was man haben und besitzen kann. Sein Versprechen an den Menschen lautet: »Um ein sinnvolles, glückliches Leben zu führen, musst du etwas … haben.«
Die Vorstellung des Haben beinhaltet eine Verheißung aufgrund eines Traumes, den viele Menschen gemeinsam träumen. Dieser gesellschaftliche Mythos ist ein mächtiger Traum, der von außen auf den Mensch einwirkt. Er wird von den Anderen beschworen und wirkt schon allein durch die Maße seiner Beschwörer. Wenn alle das wollen … dann muss es toll und erstrebenswert sein. Glaubt man.
Der individuelle Mythos
Der individuelle Mythos hingegen bezeichnet die Welt unsichtbarer und nur sehr schwer zu beschreibender innerer Bedingungen des Menschen. Seine Hoffnung lautet: »Um ein sinnvolles und erfülltes Leben zu führen, muss ich etwas … sein.«
Die Vorstellung des Sein beinhaltet Sehnsüchte, Verlangen, Begierden des einzelnen Menschen, sie meint seine Suche nach einer ganz bestimmten Lebensqualität, nach einem Seinszustand. Der individuelle Mythos ist ein mächtiger Traum, der von innen auf den Menschen einwirkt. Er beschwört die eigene, einzigartige, individuelle, unverwechselbare Wahrheit.
Individueller und gesellschaftlicher Mythos, die Spannung zwischen äußeren und inneren Traumbildern, verstricken einen Menschen in ein Gewebe von Sehnsüchten, Hoffnungen, Versprechungen, Zielen und Handlungen, in dem sich sein Leben und dessen Qualität entscheiden wird.
In diesem Buch geht es darum, dieses Gewebe zu durchschauen. Es geht um die Frage, wie ein Mensch Lebenssinn finden und woran er sich dabei orientieren kann. Es ist ein praktisches Buch, aus der Begleitung von Menschen entstanden, und es zeigt, dass ein jeder die gesuchte Orientierung in sich selbst finden kann – indem er die dem alltäglichen Bewusstsein verborgene Bedeutungen seiner Lebensträume entschlüsselt.

Wer etwas ändern will, braucht ein Problem!

Hier finden Sie drei kleine Auszüge aus dem Buch
Wer etwas ändern will, braucht ein Problem.

Das Leben als spannende Geschichte
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit Freunden zusammen, die Sie lange nicht gesehen haben und erzählen sich die Ereignisse der letzten Jahre. Ein Freund erzählt von seinem glatt verlaufenen Leben, und nach 5 Minuten fangen alle zu gähnen an. Ein anderer jedoch zieht die Zuschauer in den Bann einer packenden Geschichte, indem er von seinen Zielen, den unvermittelt auftauchenden Schwierigkeiten, den herben Fehlschlägen und der komplizierten Bewältigung dieser Situationen erzählt.
Das ist es, was das Leben spannend und lebenswert macht: dass der Erfolg sich darin allein über die Bewältigung des Scheiterns ergibt. Es klingt paradox, aber das Scheitern ist Vorraussetzung jeder Entwicklung und Veränderung.
Deshalb gilt: wer etwas ändern will, braucht ein Problem.
Diese These wird im Buch ausführlich dargelegt und auf die drei wesentlichen Lebensbereiche angewendet: den individuellen, den partnerschaftlichen und den gesellschaftlichen Bereich.

Das Buch fordert übrigens nicht, wie in einigen Rezensionen behauptet, dazu auf, die „Krise als Chance“ zu sehen. Das ist viel zu wenig. Das bedeutet doch nur „Wenn du schon Mist gebaut hast, dann mach wenigstens das Beste draus“. Im Scheitern die Voraussetzung für Weiterentwicklung zu sehen hat viel weitreichendere Konsequenzen. Es bedeutet, dass buchstäblich niemand von Problemen und Krisen verschont bleibt. Es bedeutet, dass jeder die „Chance des Bewältigen-Müssens“ erhält. Und darüber hinaus, dass diese Notwendigkeit kein Zwang oder Übel darstellt, sondern das Leben erst lebendig und lebenwert macht.

Vorwort
Dieses Buch will das große Thema Veränderung begreifbar zu machen, und zwar in drei der wichtigsten Lebensbereichen: dem individuellen, dem partnerschaftlichen und dem gesellschaftlichen Bereich.
Veränderungsphasen sind untrennbar mit Problemen und Krisen verbunden. Mittlerweile wird das Wort von der „Krise als Chance“ allgemein akzeptiert. Das ist gut so, aber es reicht bei weitem nicht aus, um die herrschenden Vorurteile gegenüber den damit verbundenen Schwierigkeiten aufzuheben. Denn im Grunde bedeutet die „Krise als Chance“ lediglich: „Wenn Sie Ihre Krise schon nicht verhindern konnten, dann machen Sie wenigstens das Beste daraus – und passen Sie das nächste Mal besser auf.“
Ich werde in meiner Einschätzung der Bedeutung von Problemen und Krisen wesentlich weiter gehen. Ich werde die Krise nicht bloß als unvermeidbares Übel darstellen, sondern als notwendige Voraussetzung jeder Veränderung, werde also den Segen der Krise beschreiben.
Überspitzt formuliert lauten zentrale Thesen dieses Buches:
– Wollen Sie etwas verändern? Dann brauchen Sie ein Problem!
– Wollen Sie etwas Grundlegendes verändern? Dann brauchen Sie eine Krise!
– Wollen Sie in Leben vorankommen? Dann sind Sie auf das Scheitern angewiesen!
Auch der Begriff des Scheiterns erfreut sich nicht der großen Wertschätzung, die ihm zusteht, im Gegenteil: Das Scheitern wird als vermeidbares Versagen und nicht als unabdingbare Bedingung des Erfolges angesehen.
Dabei bringt gerade das Scheitern den Erfolg!
Das Scheitern ist erforderlich, weil erst im Versuch seiner Bewältigung jene Entwicklung einsetzt, die wir schließlich als gelungene und erfolgreiche Veränderung bezeichnen.
Ich hoffe, dass es mir gelingt, diese möglicherweise paradox wirkenden Aussagen nachvollziehbar darzustellen und ich bin zuversichtlich, dass die LeserInnen dieses Buches nach dessen Lektüre den Problemen und Krisen und dem Scheitern in ihrem Leben die Anerkennung zukommen lassen, die diese Lehrmeister verdienen.

Der Mann ohne Krisen
Ein Mann, der sein Leben scheinbar im Griff hat, landet (Gott sei Dank) dennoch in einer Lebenskrise.
Vor mit sitzt ein 55-jähriger Mann, der den Ablauf seines bisherigen Lebens bis ins Detail zu schildern vermag.
Bisher sei alles ganz nach Plan verlaufen, er könne auf ein reibungsloses Leben zurück blicken. Phase Eins seines Erwachsenendaseins habe er der beruflichen Entwicklung gewidmet. Dabei sei er so gut vorangekommen, dass er sich mittlerweile zur Ruhe setzen könne. Phase Zwei war dem Aufbau einer Familie gewidmet, was ebenfalls erwartungsgemäß verlaufen sei. Inzwischen machten sich die erwachsenen Kinder daran, das Haus zu verlassen und er bereite sich auf Phase Drei vor. Diese bestünde in der Planung seiner Restlebenszeit.
Der Begriff „Restlebenszeit“ und vor allem die Betonung, in der er dieses Wort ausspricht, erinnern mich an einen Verwaltungsvorgang. Was er von seinem „Restleben“ denn erwarte, wollte ich erfahren? Seine Antwort lautet zusammengefasst: Alles scheine perfekt zu sein, aber auch leblos. Ein Tag sähe wie der andere aus. Die kommenden Ereignisse seien vorhersehbar. Nichts würde ihn überraschen, nichts wirklich freuen. Der Alltag quäle ihn, und das lasse ihm keine Ruhe.
„Dann lassen Sie uns jetzt ausreichend Überraschendes und Lebendiges und Freudiges für Ihre Restlebenszeit planen“ schlage ich ihm vor und will wissen, was er beispielsweise am 17. September 20xx spontan erleben wolle.
Der Mann sieht mich etwas verdutzt an, dann huscht ein Lächeln über sein Gesicht, das von einer Phase stiller Traurigkeit abgelöst wird, gefolgt von einem längeren Schweigen, das einige Erklärungen hervorbringt.
Er müsse zugeben, sagt der Mann, er wisse nicht weiter. Diese eigenartige Leere, die er jetzt in diesem Augenblick und seit geraumer Zeit verstärkt wahrnehme, habe er stets zu vermeiden gesucht. Seine Lebensplanung habe darauf beruht, vorher zu wissen, wie es weitergehen soll. Mit Ungewissheit könne er nicht umgehen. In den letzten Jahren verfolge ihn daher der Gedanke, sein Leben sei gescheitert. Er frage sich sogar, ob er jemals richtig gelebt habe. Dann fügt er entschlossen hinzu, so ginge es auf jeden Fall nicht weiter. Auf meine Frage, ob er sich in einer Krise befinde, in einer Sinnkrise, antwortet er zögerlich. Ja, so könne man das nennen – wenn man unbedingt wolle.
Nun ist der Mann, der ein reibungsloses Leben plante, in seinem 56. Lebensjahr in eine Krise geraten. Er spricht sogar davon, sein Leben wäre gescheitert. Statt als lebendig und anregend empfindet er sein Leben als leblos und freudlos. Er weiß nicht weiter und ist mit seinem Latein am Ende, was er als Krise erlebt.
Was nun? Soll man den Mann dafür bedauern, in eine Krise geraten zu sein? Keinesfalls, ganz im Gegenteil: man sollte ihn dazu beglückwünschen! Gott sei Dank ist er an diesem Punkt mit seinen Plänen und Planungen gescheitert. Sonst wäre er mit seiner „Restlebenszeit“ in gewohnter Manier verfahren und hätte die gesuchte Lebendigkeit gekonnt und perfekt verplant!
Jetzt erst, auf dem Hintergrund der Erkenntnis, „Phase Drei“ seines Lebens eben nicht planen zu können, hält er inne und besinnt sich.
Was motiviert ihn zu diesem Innehalten? Weder Vorausschau noch bewusste Lebensplanung, weder Absicht noch Weitsicht, sondern schlicht und einfach der Fakt, dass es so nicht weitergeht. Dass er mit seinem alten Latein am Ende ist. Dass ihm der Sinn allen Planens abhanden gekommen ist. Dass seine bisherigen Konzepte nicht mehr funktionieren. Einzig aus diesen Gründen sucht er nach etwas Neuem.
Das Gefühl der Leere, die Resignation, das Nicht-Weiter-Wissen, sein Scheitern – kurzum all das, was er als Krise empfindet – ist wichtig. Es weist ihn darauf hin, dass ihm das Leben enteilt ist, und es motiviert ihn, dem Leben zu folgen.

Das Kartenhaus der Werte

Die Einleitung zu dem Buch
Das Kartenhaus der Werte.

Einleitung
Die Reihe, in der dieses kleine Buch erscheint, heißt “Soziale Fitness”. Fit mit dem Thema Werte umzugehen bedeutet in Bezug auf dieses Buch:
– Das aufzugreifen, was allgemein über Werte behauptet wird,
– festzustellen, was über Werte geglaubt wird,
– zu prüfen, was Werte tatsächlich sind,
– darzustellen, wie sie in der Gesellschaft wirken und wozu sie taugen,
– sowie aufzuzeigen, wie man in Wertediskussionen sinnvoll mit dem Thema umgehen kann.
Bei der Darstellung des Themas werde ich folgendermaßen vorgehen. Zuerst werde ich idealisierte Vorstellungen demontieren, die über Werte kursieren. Erst wenn das Thema auf den Boden gesellschaftlicher Tatsachen gestellt ist, komme ich zum Wert der Werte und dazu, wie man sich in Wertediskussionen am Besten verhält.

Was über Werte gesagt wird
Viele meinen zu wissen, was Werte sind und bedeuten. So wird allgemein behauptet, Werte wären:
– das Fundament, auf dem unsere Gesellschaft aufbaut,
– und der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält, kurzum: Werte würden das Grundgerüst unserer Kultur darstellen.
Was wir glauben, wenn wir das glauben Da die meisten Menschen obige Aussagen widerspruchslos übernehmen, akzeptieren sie wie selbstverständlich auch die folgenden Überzeugungen. Diese besagen unter anderem, Werte würden:
– die Handlungen der Menschen lenken,
– man könnte bestimmte Werte leben und andere nicht,
– es gäbe eine Wertehierarchie, und
– es gäbe absolute und unveräußerbare Werte.
Das alles, lassen Sie es mich vorausschicken, trifft so nicht zu. Daher erfordert soziale Fitness, diesen Behauptungen und Überzeugungen fundierte Erkenntnisse und Fakten entgegenzuhalten. Das werde ich im Folgenden tun. Dabei werde ich mich bemühen, das Thema möglichst klar und prägnant zu behandeln.

Was ich in diesem Buch darlegen werde
Ich werde darlegen, wieso die obigen Aussagen nicht zutreffend sind und weshalb man sie nicht für bare Münze nehmen darf. Im Einzelnen werde ich zeigen:
– Was Werte nicht tun,
– woraus sich der Bedarf nach Werten ergibt,
– was Werte sind,
– wieso Werte keine Handlungsorientierung vermitteln,
– wieso man bestimmte Werte nicht leben kann,
– worin die Widersprüchlichkeit von Werten besteht,
– dass es keine Wertehierarchie gibt,
– wieso Werte keine verlässliche Identität vermitteln,
– wie man sich geschickt auf Werte beruft,
– wieso man jede beliebige Handlung mit Werten rechtfertigen kann,
– wie man sich hinter Werten verschanzen kann,
– wie man mittels Werten Fehler verschleiert,
– dass man locker von Wert zu Wert hüpft,
– wie man Werte aufbläst,
– wie sich Werte zum Streit und sogar als Waffen nutzen lassen,
– worin der tatsächliche Wert der Werte besteht, und
– wie man sich in Wertediskussionen am besten verhält.

Werte haben ihren Wert – das steht ohne Zweifel fest. Ihre Aufgabe ist allerdings eine andere, als allgemein geglaubt wird.
Begeben wir uns also auf eine spannende und aufschlussreiche kleine Erkenntnisreise.

Der Bedarf an Gott

Der Text ist ein kleiner Auszug aus dem E-Book „Religion ist für Feiglinge„.

Gott oder nicht?
Gibt es einen Gott? Der Streit darüber und welche Rolle der Glauben im Leben der Menschen spielt, ist – ausgelöst durch den unerwartet aufgetretenen religiösen Fundamentalismus christlicher und islamischer Prägung – neu entfacht. In dieser Diskussion stehen sich gewöhnlich Gläubige verschiedener Konfessionen und Atheisten gegenüber. Die eine Seite beschwört eine Auferstehung des Glaubens, die andere Seite bezeichnet den Glauben als Gotteswahn.
Doch es gibt nicht nur Gläubige und Nichtgläubige. Es gibt auch solche, denen es schlicht gleichgültig ist, ob ein Gott existiert oder nicht. Für die der Glaube keine Bedeutung hat.
Soll man zur Gottesfrage als jemand, für den die Frage nach der Existenz Gottes keinen Sinn ergibt, Stellung beziehen? Ich denke, das lohnt nicht.  Denn weder lässt sich Gottes Existenz beweisen noch seine Nichtexistenz. Beides ist und bleibt über alle Darlegungen hinweg reine Glaubensfrage, und damit besser dem endlosen Streit der Rechthaber der einen oder anderen Seite überlassen.
Interessanter und spannender als Gottesbeweise zu suchen oder Gotteswiderlegungen aufzustellen erscheinen mir andere Fragen. Etwa die Fragen, wozu Gott gebraucht wird, und von wem er gebraucht wird, wozu er benutzt wird, wie an ihn geglaubt wird, wann man sich auf ihn beruft. Denn offenbar besteht ein Bedarf an Gott.

Der Bedarf an Gott
Seit der Mensch weiß, dass er beobachten kann, fühlt er sich beobachtet. Damit entsteht der Bedarf an Gott.
Vom entwickelten Tier weiß man, dass es beobachten kann. Aber weiß der Affe, der dabei zuschaut, wie ein anderer Affe Erdnüsse vertilgt auch, dass er diesen Affen beobachtet und dass er von diesem anderen Affen beim Beobachten beobachtet wird? Die Wissenschaft bezweifelt dies. Allein dem Menschen wird eine ausgeprägte selbstreferenzielle Psyche zugesprochen.
Aufgrund eines rätselhaften Evolutionsschrittes hat der Mensch ab irgendeinem Punkt seiner Entwicklung erkannt: „Ich sehe und werde gesehen und bin mir darüber klar“. Dies ist gewissermaßen die Geburtsstunde des Ich, eines Begriffes oder einer Vorstellung von sich selbst. Es ist der Moment, als Adam und Eva in den Apfel bissen und “sie erkannten sich”.
Der Mensch unterscheidet nun zwischen sich und allem anderen, zwischen sich und der Welt. Abstand entsteht. Er kann diese Welt beobachten, und offensichtlich beobachtet die Welt ihn. Darüber hinaus beobachtet er eine Welt, die unendlich erscheint, unüberschaubar, rätselhaft und beängstigend, und zugleich grenzenlos machtvoll ihm gegenüber. Eine unerklärliche Welt, deren Zusammenhänge ihm rätselhaft sind und der er sich ausgeliefert fühlt. Eine Welt, die er ganz offensichtlich nicht erschaffen hat und über die er keine Kontrolle auszuüben vermag.

Ein Leben im Zweifel
Es leuchtet ein, dass mit dem Abstand der Erkenntnis die Wahl und damit der Zweifel in des Menschen Welt Einzug hält. Wo komme ich her? Was soll ich tun? Was macht mir die Welt und ihre unsichtbaren Kräfte gewogen und was erzürnt sie? Wie werde ich gesehen und beurteilt? Was ist richtig und was ist falsch? Was ist gut und was ist böse? Was lässt mich leben und was sterben? Was kommt nach dem Tod?
Diese Fragen sorgen für eine große Beunruhigung. Eine Unruhe, die vor der Erkenntnis sicherlich nicht vorhanden war. Zu sein und keine Macht über sich zu haben. Zu existieren, ohne sich selbst in die Welt gesetzt zu haben. Zu leben, ohne dem Tod entkommen zu können. Erkenntnis weckt einen immerwährenden Zweifel, ein nicht endendes Nagen an scheinbaren Gewissheiten. Und zu zweifeln bedeutet vor allem: zu Leiden.

„Wo gibt es, so fragt man sich, eine felsenfeste, unerschütterliche Gewissheit, auf der sich alle menschliche Gewissheit aufbauen lässt?“ (Hans Küng, Existiert Gott?)

Damit ist der Kern allen Glaubens und seiner Fragen beschrieben: Wie kann der Mensch vom Leiden erlöst werden? Wie kann er der Ungewissheit entkommen? Wo kann er unerschütterliche Gewissheiten finden?

Zweifel in Wahrheit auflösen
Logischer Weise gibt es nur einen Weg, dem Zweifel zu entkommen: indem man zur Wahrheit findet.
Was ist Wahrheit? Dieser Bewusstseinszustand zeichnet sich nicht durch unumstößliche Erkenntnisse aus, schließlich stellt sich die Wahrheit von heute morgen schon als Irrtum heraus.
Wahrheit besteht, wo jeder Zweifel abwesend ist. Wahr ist, wogegen keine Fakten sprechen. Was wahr ist, das kann und braucht und darf nicht bezweifelt zu werden. Was wahr ist, daran kann man sich halten. Mit völliger Gewissheit.
Die Wahrheit über die Welt zu finden, über ihre Ursprünge, ihren Sinn, ihre Bestimmung, eine Erklärung für das Unerklärliche und einen Begriff für das Unbegreifbare – das dient dazu, die existentielle Beunruhigung des Menschen zu beruhigen. Diese Wahrheit ist gefunden. Ihr Name lautet Gott. Gott ist das Ende der Ungewissheit.

Gott ist die Lösung
Mit Gott löst der Mensch sein größtes Problem: das Problem des Nichtwissens und der damit verbundenen Ungewissheit. Mit Gott weiß er, denn Gott ist eine Universalerklärung. Gott erklärt alles. Gott hat die Welt erschaffen. Gott bestimmt über das Schicksal der Menschen. Gott gebietet über Leben und Tod. Gott ist Anfang und Ende. Ohne jeden Zweifel.
Der Bedarf an Gott entsteht mit dem Bewusstsein des Menschen von sich selbst. Gott löst das Erkenntnisproblem, das mit dem Bewusstsein entsteht: das Problem der Ungewissheit, des Nichtwissens. Er liefert Erklärungen für das Unerklärliche. Er beseitigt den Zweifel. Und damit beruhigt er.
Der Soziologe Dirk Baecker beschreibt die soziale Aufgabe Gottes in einfachen und klaren Worten: Er sagt: „Gott ist die Erklärung dafür, dass es so ist, wie es ist. Und Gott ist vor allem die Beruhigung darüber, dass ich daran, wie es ist, nichts zu tun brauche.“

Was ist, ist. Das ist er, der Wille Gottes.